Dieter Schulte, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes

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Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Johannes Rau. Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Margret, zuerst einmal recht herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung.

Als Junge aus dem Ruhrgebiet neige ich natürlich nicht zum Pathos, aber heute ist schon ein großes Wort angebracht; denn wir sind die Zeugen eines durchaus historischen Augenblicks. Dieses trifft auf jeden Fall auf uns, auf die Gewerkschaftsbewegung, zu.

Ich bin darüber hinaus überzeugt: Es geht weit über die Gewerkschaftsbewegung hinaus und gilt für unsere Gesellschaft insgesamt.

Lasst es mich, Kolleginnen und Kollegen, vielleicht ein wenig familiärer ausdrücken: Ich fühle mich heute ein wenig so wie ein Trauzeuge bei einer großen Hochzeitsfeier. (Beifall) Jeder, der schon einmal als Trauzeuge gefragt war – und ich bin überzeugt, das sind viele unter uns –, weiß, dass die Vorbereitungen zur Hochzeit nicht nur viel Zeit in Anspruch nehmen, sondern sie sind auch mit erheblicher Nervosität verbunden – und dieses nicht nur bei den Brautleuten. Schließlich ist eine Hochzeit nach wie vor etwas ganz Besonderes, das immer noch aus dem Alltagsleben herausragt.

Deshalb wird natürlich sehr sorgfältig geprüft, auf wen und auf was man sich denn da einlässt. Bis zum Ja-Wort also müssen sorgfältige und auch umfangreiche Vorbereitungen getroffen werden. Skepsis, Befürchtungen, Unsicherheiten müssen aus dem Weg geräumt, Fragen für alle Beteiligten zufrieden stellend
beantwortet werden.

Und, Kolleginnen und Kollegen, was schon schwierig genug ist, wenn sich zwei Partner zusammentun, wird nicht leichter, wenn sich gleich fünf auf einen gemeinsamen Weg machen. Damit sind Anlaufschwierigkeiten an der einen oder anderen Stelle, wie wir alle erfahren haben, gar nicht zu vermeiden. Es ist deshalb
auch nicht tragisch, wenn beim ersten oder auch beim zweiten Aufgebot nicht alles – und vor allem nicht alle – den Erwartungen entsprechen. Da wäre dann auch noch das eine oder andere Familienmitglied, das sich schon vorher vornehm räusperte, um auf seine Einwände aufmerksam zu machen.

Heute aber sind die letzten Zweifel beseitigt, und ich finde, es kann gefeiert werden. Und: Ich reihe mich gerne in die Schar der Gratulanten ein und beglückwünsche Euch zu der Entscheidung. (Starker Beifall)

Wir haben, Kolleginnen und Kollegen, alle Anlass, uns zu freuen und durchaus optimistisch in die Zukunft zu schauen, weil ein großes Werk gelungen ist, an dem sich frühere Zeiten vergebens gemüht haben. Die DAG kehrt nach mehr als fünfzig Jahren der Trennung zum DGB zurück. Roland, liebe Freundinnen und Freude der DAG: Seid uns willkommen! (Starker Beifall)

Trotz allen alten Familienstreits bin ich sicher: Wir werden in Zukunft nicht nur gut, wir werden in Zukunft mit ver.di vor allem erfolgreich zusammenarbeiten. Alleine diese Rückkehr ist für die Gewerkschaftslandschaft in Deutschland von herausragender Bedeutung. Aber zusammen mit der Fusion von fünf Gewerkschaften – davon bin ich zutiefst überzeugt – sind wir in diesen Tagen Zeugen eines beispiellosen Prozesses, den bis vor kurzem in der Tat kaum einer für möglich gehalten hätte und – das muss ich fairerweise ergänzen – an dem bis zuletzt so manche gezweifelt haben.

Es lohnt sich schon, an dieser Stelle einige Jahrzehnte in unserer eigenen Geschichte zurückzublicken. In den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurde mit der Gründung stabiler Dachverbände der Weg zur Industriegewerkschaft beschritten. Und im Jahre 1949 wurde jene Organisationsform geschaffen, die bis heute Gültigkeit hat: selbstbewusste, eigenständige und politisch unabhängige Einheitsgewerkschaften, gemeinsam unter dem Dach des Bundes.

Kolleginnen und Kollegen, unter dem Vorsitz von Hans Böckler wurde die Einheitsgewerkschaft gegründet.

Er selbst wies immer wieder darauf hin, dass die DAG ebenfalls zu diesem Kreis gehört. Heute, 50 Jahre nach seinem Tod, wird dieses Ziel verwirklicht. (Beifall)

Fusionen, Kolleginnen und Kollegen, haben in den Ohren vieler Menschen nicht immer einen guten Klang. Denn was allzu oft mit großen Ankündigungen verbunden wird, scheitert häufig – und hier empfehle ich einen Ausflug zum Beispiel in die jüngste Geschichte der geplatzten Fusionen – nur allzu kläglich, egal ob dieses nun im Lichte des Sterns oder bei den Eltern der Peanuts stattgefunden hat.

Wir hingegen haben unsere Fähigkeit zur Fusion bereits bewiesen. Dafür gibt es zwei Gründe:

Erstens. Wir können es einfach besser als die anderen. (Beifall)

Zweitens. Für uns gilt nicht zuerst der Gedanke des Shareholder Values, sondern für uns gelten die Werte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. (Beifall)

Ich sage Euch voraus: Unser Maßstab wird auch nicht der Börsenkurs sein, sondern unser Maßstab ist und bleibt die Würde der Menschen. (Beifall)

Die Entscheidungen für unsere Grundwerte, die Einheitsgewerkschaft und stabile Organisationen nach dem Prinzip „ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ haben sich bisher als richtig und darüber hinaus als wegweisend erwiesen. Sie haben den deutschen Gewerkschaften Stabilität und Gestaltungskraft, Konfliktfähigkeit und Kompromissbereitschaft gleichermaßen gesichert. Das war, Kolleginnen und Kollegen, unsere Stärke und das wird auch in Zukunft unsere Stärke bleiben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, gestattet dem DGB-Vorsitzenden
in dieser feierlichen Stunde auch ein nachdenkliches Wort in eigener Sache.

Die Reform der Gewerkschaften und die Reform ihres Bundes – beides ist untrennbar miteinander verbunden. Mit dem Dresdner Grundsatzprogramm von 1996 haben wir alle gemeinsam die Antworten gegeben, Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung, Antworten auf die Herausforderungen der
europäischen Einheit und Antworten auf die tiefen Umbrüche in der Wirtschaft und in der Gesellschaft.

Mit den Fusionen vieler Mitgliedsgewerkschaften, mit den neuen Strukturen des DGB und nun mit der Gründung von ver.di konzentrieren wir unsere Kräfte und schaffen damit die Voraussetzung für eine zeitgemäße moderne Organisation für unsere heutigen und auch für unsere zukünftigen Mitglieder. (Beifall) Wir, Kolleginnen und Kollegen, verharren eben nicht in alten Strukturen oder in überholten Traditionen.

Zukunftsfähigkeit durch Reformbereitschaft, das zeichnet auch heute die Gewerkschaften in Deutschland aus. Aber, Kolleginnen und Kollegen, das geschieht nicht im Selbstlauf. Wir müssen rechtzeitig Wegmarken setzen, wir müssen Geländer bauen, wir
müssen auch Zäune ziehen.

Wenn der eine oder andere gar glaubt, Konkurrenz könne auch das gewerkschaftliche Geschäft beleben, dann gebe ich ihnen zu bedenken: Es war die Konkurrenz der Richtungsgewerkschaften, die zu den Schwächen und damit zu den verheerenden Niederlagen der deutschen Gewerkschaften im vergangenen Jahrhundert maßgeblich beigetragen hat. (Beifall)

Darum, Kolleginnen und Kollegen, erinnere ich auch heute daran: Es war und es ist der DGB, der seit mehr als 50 Jahren das öffentliche Bewusstsein prägt, wenn es um die Gewerkschaften in Deutschland geht. Er hat manchmal den Sündenbock spielen müssen. Aber was wichtiger ist: Er hat in unzähligen Fällen den Laden zusammengehalten und unserem gemeinsamen Handeln auch eine Richtung geben können.

Wir brauchen keine Machtkämpfe untereinander; im Gegenteil: Wir wollen unsere Kräfte bündeln, um die Machtverhältnisse in dieser Gesellschaft gemeinsam zu verändern. (Beifall)

Kolleginnen und Kollegen, es ist nicht allein die Größe, die uns stärkt, es ist unsere Fähigkeit, Menschen für unsere Ziele zu gewinnen. Und es ist unsere Bereitschaft, für diese Menschen und vor allem mit diesen Menschen Interessen zu vertreten und dann auch durchzusetzen. Genau das sollten wir täglich beweisen. (Beifall)

Kolleginnen und Kollegen, wir müssen alle unsere Kräfte anspannen, um endlich die Arbeitslosigkeit zu überwinden. Die Arbeitslosigkeit ist und bleibt das Krebsgeschwür, das den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft zerfrisst.

Und deshalb sage ich genauso deutlich: Bei allen Silberstreifen, die sich in der Tat am Horizont zeigen – mit vier Millionen Arbeitslosen darf sich niemand, darf sich die Bundesregierung nicht und dürfen auch wir Gewerkschaften uns nicht abfinden! (Beifall)

Wir haben das Bündnis für Arbeit gewollt, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Ich füge hinzu: Spätestens seit der letzten Bündnisrunde müssen die Arbeitgeber wissen: Sie stehen jetzt auch öffentlich auf dem Prüfstand: Wie viele Überstunden werden denn abgebaut werden? Welche Tarifverträge über Weiterbildung werden abgeschlossen werden? Wir werden auch fragen: Hat jeder Jugendliche einen Ausbildungsplatz gefunden?

Die Antworten darauf, Kolleginnen und Kollegen, werden das Bündnis für Arbeit bestimmen und daran wird das Bündnis zukünftig gemessen werden. (Beifall) Ich füge ausdrücklich hinzu: Das sollten vor allem die Arbeitgeber und das sollte auch die Bundesregierung wissen und entsprechend beherzigen.

Wir wollen in diesem Land mehr soziale Gerechtigkeit. Die Menschen in diesem Land wollen mehr an sozialer Gerechtigkeit und darum müssen wir die noch immer vorhandenen Unterschiede in West- und Ostdeutschland endlich überwinden helfen. (Beifall)

Kolleginnen und Kollegen, zehn Jahre nach der deutschen Einheit verträgt es sich nicht mit dem Gleichheitsgebot des Grundgesetzes, wenn immer noch eine Tarifmauer die Beschäftigten im Osten vom Westen trennt. (Beifall) Wir wollen und wir dürfen keine neuen Gräben zulassen. Wir müssen also mehr tun, um die Mauern einzureißen. (Beifall)

Wir müssen auch mehr tun für die Mitbestimmung in den Betrieben. Die Mitbestimmung hat ganz entscheidend dazu beigetragen, den Strukturwandel sowohl im Staat als auch in der Wirtschaft sozial zu gestalten, dem Wandel also ein menschliches Antlitz zu geben oder zu erhalten.

Die Leistungen für die Sicherung von Arbeitsplätzen, für Bildung und soziale Gerechtigkeit und – auch dies muss gesagt werden – für den Bestand und die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen sind damit unbestritten.

Ich habe darum überhaupt kein Verständnis für die Polemik, für die teilweise Missachtung und für die Verdrehungen, mit denen von einigen Arbeitgebern auch in der Öffentlichkeit die Reform der Betriebsverfassung schlecht geredet wird. (Beifall)

Denen, die das tun, Kolleginnen und Kollegen, sage ich: Wir wollen keine Herren im Haus, sondern demokratische Rechte in der Gesellschaft und im Betrieb. (Beifall) Die Arbeitgeber sollten es doch selbst am besten wissen: Eine zukunftsfähige Wirtschaft kommt nicht ohne zeitgemäße und moderne Mitbestimmung aus.

Wir brauchen eine moderne Unternehmensverfassung auch, um Europa gestalten zu können. Die Vollendung der europäischen Einheit bleibt unser großes Ziel und sie bleibt Auftrag und Herausforderung zugleich. Ich sehe kaum eine Alternative, um Hass und nationaler Verblendung ein für alle Mal den Boden zu entziehen, als die, die Einheit Europas mit aller Macht voranzutreiben.

Aber ich füge genauso deutlich hinzu: Zu dieser Einheit gehört die soziale Gestaltung, gehören faire soziale Bedingungen, gehören soziale Rechte. Der Wille zur Einheit darf damit nicht zum Vorwand für Lohndrückerei oder soziales Dumping werden. (Beifall)

Heute schlagt Ihr also ein neues Kapitel in dem Buch der Geschichte der Gewerkschaften auf. Die neue Gewerkschaft
ist dabei allerdings kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ihr bringt Eure Traditionen, Eure Erfahrungen, Eure Positionen mit ein.

Auf Euch ruhen dabei nicht nur viele Hoffnungen, sondern an Euch richten sich gleichfalls sehr viele Erwartungen. Beidem gerecht zu werden wird Eure zukünftige Aufgabe weitgehend bestimmen.

Wie die Geschichte konkret weitergeht, welche Erfolge Ihr erzielt und wie Ihr auf die Herausforderungen dieser Zeit antwortet, das habt Ihr nun zu entscheiden. Denn es sind keine blinden Mächte, es sind die Menschen, die ihre Geschichte selbst schreiben.

Ich wünsche Euch, dass ver.di eine Erfolgsstory wird und wir nicht nur auf diesem Kongress, sondern auch in Zukunft Beifall klatschen können.

Liebe Verdianer, mit dem Ferrando aus dem „Troubadour“ – der ist noch nicht genannt worden, Kurt – rufe ich Euch zu: Nur Mut, es sei gewagt! (Beifall)